Die letzten Etappen in 2021

Das perfekte Postkartenwetter begleitete uns auch bei der Weiterfahrt von Fuengirola zum Puerto Del Este. Auf jede Recherche zu diesem Hafen hin, hatten wir ein deutliches „Daumen hoch“ erhalten und freuten uns auf die kleine, hinter einem Felsen versteckte Marina.

Kein Wind, keine Wellen, nur ein, zwei verspielte Delfine:

Dann hatten wir das Meer für uns allein. Weit und breit kein anderes Schiff in Sicht, und das leise Brummen unseres Motors kombiniert mit dem warmen Sonnenschein schuf eine herrlich entspannte Atmosphäre. Es gibt nicht so viele bessere Orte, um ein Hörbuch zu hören.

Am späten Nachmittag bot sich uns bei der Annäherung an unser Ziel ein traumhafter Blick auf die goldscheinende Felsküste vor La Herradura. Mal wieder eine Ansicht, die man nur von See aus so haben kann. Perfekt.

Die Bucht hinter diesem Felsen nutzten wir für eine Ankernacht und blieben dann zwei Nächte in der Marina Del Este.

Keine Frage, in der Hauptsaison dürfte hier der Bär steppen, aber jetzt, Mitte November war nichts los. In der ersten Nacht waren wir die einzigen Gastlieger und hatten somit die Anlage für uns. Beim Erkunden der Umgebung trafen wir auch nur vereinzelt auf Urlauber, und entsprechend gering war das Angebot an geöffneten Cafés und Restaurants. Viel bedauerlicher war, dass man den Felsen nicht besteigen durfte. Im Video könnt Ihr gut erkennen, dass es dort Stufen bzw. Treppen gibt, die aber augenscheinlich schon seit längerem gesperrt sind. Zum Glück haben wir ja DAISY… 😉

Der große Brocken trägt auf jeden Fall maßgeblich dazu bei, dass der Hafen bei aller Touri-Bebauung so malerisch wirkt.

Während wir nachmittags unsere Fock für die nächste Etappe nach Motril aufzogen, sprachen uns zwei Engländerinnen vom Steg aus an. Sie würden so gerne mal auf einem Segelschiff eine Ausfahrt mitmachen, und ob wir dazu Zeit und Lust hätten. Den Ausflugskatamaran im Hafen kennen sie und wollen mal auf einer „echten Yacht“ mit rausfahren. Hmm, da fühlten wir uns doch gleich herrlich gebauchpinselt… Nun war es an jenem Nachmittag fast windstill, so dass wir den Damen keinen Segelausflug hätten ermöglichen können. So sagten wir kurzerhand ab.

Im Nachhinein waren wir froh, dass wir auch keine Mitfahrt nach Motril für den Folgetag angeboten hatten. Natürlich haben wir Schwimmwesten für Gäste an Bord. Aber, See-unerfahrenen Unbekannten drei Stunden Kreuzen bei Windstärke fünf und ordentlich Welle zuzumuten, hätte arg in die Hose gehen können. Immerhin hatten wir beide gewaltig mit den Kräften der Natur zu tun bzw. kurz vor der Hafeneinfahrt richtig zu kämpfen. Das Einrollen unserer Fock lief ja leider nicht ganz unproblematisch, und im Video waren Krängung und Seegang ja gut zu erkennen. Wir waren jedenfalls heilfroh, als wir in das riesige Hafenareal von Motril einliefen.

Und man kann ebenso gut erkennen, wie viel Raum den aus Südost eintreffenden Wellen geboten wurde. Bis nach hinten durch zum Club Real Nautico und der Marina (rechts davor) bleibt jede Welle ungebremst. Falls sich irgendwer fragt, warum wir hier anlegten, wo doch Sturm vorhergesagt war: auf dem Weg nach Almerimar gibt es keine Alternative bzw. keinen geschützten Westhafen, und üblicherweise ist die vorherrschende Windrichtung aus West kommend.

Bei unserer Einfahrt dirigierte uns Roberto, der Hafenchef sofort in eine Lücke und packte mit zwei Marineros beherzt zu. Schnell lagen wir fest, äh, schaukelten an der Mooring. Roberto zögerte auch nicht lang und bot uns einen Wechsel zu dem Liegeplatz seiner Yacht an. Wow, wo hat man sowas schon mal gehört – so viel Einsatz, um den Gast zufrieden zu stellen. Aber, das ließ sich noch toppen, wie wir im Laufe der Tage feststellen durften.

Micha und mir war schnell klar, dass ein längerer Aufenthalt an Bord bei Sturm kein Vergnügen bedeuten würde. Und während Robertos Assistentin naheliegende Hotels nach einem freien Zimmer für uns prüfte, checkten wir Booking.com und Airbnb. Die Entscheidung fiel auf eine Pension in der Nachbarstadt Salobrena, und so setzten wir erstmalig auf unserer Reise unseren „Übernachtungs-Plan B“ in die Tat um. Wir hatten uns fest vorgenommen, nicht jedes Wetter an Bord aushalten zu müssen, sondern ggf. auch mal in ein Hotel zu ziehen.

Wenn ich an die Schwerwettertage in Paimpol, Port du Crouesty (F) oder Peniche (P) denke, war es dort keine Alternative, CARLOTTA allein zu lassen. Es war jedes Mal viel Leinen- und Schiffssicherungsarbeit während der nächtlichen Starkwinde nötig. Nicht so in Motril.

Mithilfe Robertos und seiner Mitarbeiter zogen wir Festmacher achteraus zu unserem 57Fuß-Nachbarlieger und hatten so eine zusätzliche Hecksicherung. Weitere Ruckdämpfer kamen zum Einsatz, und so tanzte CARLOTTA zwar weiterhin in den Wellen, war aber ungefährdet. Auf und an anderen Schiffen engagierten sich die Marineros, platzierten Fender optimaler und kontrollierten die Festmacher. Als uns dann Roberto mit den Worten „Don’t worry, I take care for your boat“ verabschiedete, waren wir beruhigt und bestiegen unser Taxi zur Pension.

Salobrena und der Standort unseres Hostels in einer Wohngegend entpuppten sich als Glücksgriff.

Bei den Hostelbesitzern handelte es sich um ein Ehepaar, das das Gebäude erst im letzten Jahr von seinen Eltern übernommen hatten und nun sukzessive modernisierten. Er war Spanier, sie Polin und beide hatten zuletzt zehn Jahre in Frankreich gelebt; entsprechend multikulti und offen war die Atmosphäre. Wir wurden mit unzähligen Restauranttipps versorgt und entschieden uns zum Frühstücken für das naheliegende Café Vienna.

Mitten unter Einheimischen saßen wir dort, genossen heißen Café con leche, selbst gebackene Baguettebrötchen und fühlten uns gar nicht sehr touristisch.

Ein Frühstück bot die Pension nämlich schlauerweise nicht an. Wie Ihr auf den Fotos sehen könnt, gibt es einen bezaubernden Patio, der sich eigentlich geradezu anbietet. Aber! Die Akustik in diesem Innenhof ist so lärmverstärkend, dass jeglicher Frühstücksgenuss im Keim erstickt wäre.

Wir hatten ein großes Doppelzimmer mit hervorragenden Betten – und Heizung 😉 . Eine Dachterrasse gab es auch noch, die wir aber wegen des Windes, der selbst im Inland noch heftig ankam, nicht nutzten.

Der Sturm hatte sich für vier Tage angekündigt und setzte sich ordentlich fest.

Die Farblehre macht es deutlich: braun-rot steht für 30-40 Knoten und somit Windstärke 7-9

Nachdem wir uns nach der ersten Nacht vor Ort bei CARLOTTA von der sicheren Lage im Hafen überzeugt hatten, war der Kopf frei für ganz andere Pläne. Inspiriert durch ein kanadisches Ehepaar, das wir am Busbahnhof kennen lernten, setzten wir uns in den Schnellbus nach Granada und ließen uns für knapp 14 € pro Person 50 Minuten auf der modernen Autobahn durch das bergige Inland kutschieren. Ein Mietwagen wäre überhaupt keine Alternative gewesen, da wir, trotzt Nebensaison, rund € 100 pro Tag zahlen sollten. Außerdem waren die Verbindungen inklusive der Weiterfahrt bis zur Alhambra ideal.

Wir entschieden uns für die Besichtigung der Palastgärten (Generalife) und sind hellauf begeistert von dieser landschaftlichen Architektur und seiner Gebäude.

An unserem Besichtigungstag herrschten dort auf 780 Höhenmetern gerade mal kühle 10 Grad, und trotzdem war es unserem Empfinden nach wirklich gut besucht. Mit anderen Worten, uns war es fast schon wieder zu voll (auch, wenn die Fotos recht menschenleer aussehen). Unvorstellbar, was dort in den Saisonmonaten los sein muss.

Ein spätes Mittagessen ließen wir uns in der Altstadt schmecken und spazierten dann Richtung Kathedrale.

Kurz vor dieser imposanten Kirche stellte sich uns eine Frau entgegen und griff einfach nach meiner Hand 😯 . Nachdem ich mich von meiner Schrecksekunde erholt hatte, sagte sie mir ein langes, glückliches Leben mit meinem Ehemann voraus. Na, wer hört sowas nicht gerne, wenngleich es mich auch nicht wirklich überraschte… 😉 . Allerdings wollte sie dann fünf Euro für diese 60-Sekunden-Auskunft haben und wurde sauer, als wir die Summe deutlich reduzierten. Wir wendeten uns lieber zügig der prachtvollen Kathedrale zu

und fuhren spätnachmittags mit der Metro wieder zum Busbahnhof. Unterwegs traute ich meinen Ohren nicht! Da bot mir in der vollen Metro doch glatt ein junger Mann seinen Sitzplatz an. War ja total nett, aber ich hätte nicht gedacht, dass ich schon sooo alt aussehe… 🙄 .

Am Bahnhof erwartete uns dann die nächste Überraschung. Unser Bus kam pünktlich – und nahm uns nicht mit!!! Während wir für die Hinfahrt die Tickets direkt beim Busfahrer erstanden hatten, muss man in Granada am Automaten kaufen und seinen Sitzplatz buchen. Wir hatten vollkommen übersehen, dass es Freitagabend war, und viele die Stadt fürs Wochenende verließen. Es kam schon regelmäßig auf unserer Reise vor, dass uns der jeweilige Wochentag nicht präsent war, aber diesmal hatten wir ein echtes Problem. Der nächste Bus nach Salobrena war ebenfalls ausgebucht, und dann blieb uns nur ein Bummelbus bis Motril und dort die Hoffnung auf den letzten Bus an dem Abend (oder eben ein Taxi) zur Pension in die Nachbarstadt. Nach einer fast zweistündigen und teils abenteuerlichen Fahrt auf schmalen Landstraßen hatten wir Glück und erreichten den Anschlussbus. Puh, geschafft.

Salobrena vergoss ein paar (Regen)Tränen an unserem Abreisetag

aber in Motril erwarteten uns ruhiges, trockenes Wetter – und ein fröhlicher Roberto.

Sehr gerne betonen wir an dieser Stelle nochmals die Hilfsbereitschaft dieses Hafenkapitäns. Am Vorabend hatte uns einer seiner Mitarbeiter zum Hostel gefahren und ein weiterer holte uns morgens dort wieder ab. Einfach, weil man behilflich sein wollte (und der Mitarbeiter in der Nähe wohnte). Soo großartig. Muchas gracias!

Rückblickend waren diese Sturmtage nun alles andere als negativ für uns. Vielmehr ermöglichten sie uns einen Perspektivwechsel und wunderbare Erlebnisse an Land. Wir lernten viele Menschen kennen und besuchten eines der bedeutsamsten Weltkulturerbe in Europa. Mal wieder haben uns unsere Neugierde, Pragmatismus, Aufgeschlossenheit und die Lust auf Abenteuer ganz wunderbare Erinnerungen verschafft.

Am Samstag, dem 21. November setzten wir zum letzten Mal in diesem Jahr Segel und rauschten die finalen 36 Meilen bis Almerimar mit Rückenwind dahin. Auch Urmel ließ sich nicht zweimal Bitten und genoss das Schaukeln in den Wellen.

Nachmittags kurz vor 16 Uhr erreichten wir den Besucherponton von Almerimar und somit unseren Zielhafen im Jahr 2021.

Hurra, wir sind angekommen!!!

Am 3. Juni hatten wir Hamburg verlassen, in diesen 170 Tagen 66 Etappen gemeistert und insgesamt eine Strecke von 2656 Meilen bzw. 4919 Kilometer zurückgelegt.

Wir sind stolz wie Bolle.

Und glücklich!